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Einblick in die klassische Chinesische Akupunktur – He7

Einblick in die klassische Chinesische Akupuktur - Max Tactic, FotoliaShenmen „Tor des Geistes“

In diesem Beitrag möchte ich mich dem Punkt Herz 7 (He7), Shenmen – „Tor des Geistes“ widmen, der ein Punkt auf dem Herz-Meridian ist und dem Element Feuer in der Chinesischen Medizin entspricht. Das Feuer-Element wird im System der Entsprechungen dem Sommer zugeordnet. Der Punkt He7, Shenmen, ist ein benachbarter Punkt von Lu9: er liegt ebenso an der ventralen Seite des Handgelenks, allerdings nicht lateral von der Körpermitte, wie Lu9, sondern medial – gegenüber von Lu9, also näher zur Körpermitte.

 

In der Medizin werden die Begriffe „medial“ und „lateral“ immer in Bezug auf die mittlere Linie, die den Körper vertikal in zwei Hälften teilt, verstanden. Dabei hält der Mensch die Arme leicht ausgebreitet nach unten, die Handflächen nach vorne gerichtet. So kann die Lage jedes Punktes, bzw. jeder Zone des Körpers in Bezug auf die Körpermitte beschrieben werden. In der chinesischen Medizin bezieht man sich damit auf den Ren Mai Meridian, in der westlichen Medizin spricht man von der Linea Alba. In der Fachliteratur – was die Akupunktur-Punkte am Arm betrifft -, werden oft die Begriffe „ulnar“ und „radial“ gebraucht, also bezogen auf die Unterarmknochen Radius und Ulna , da es für den Arm intuitiver ist – der Arm verändert ja oft seine Lage. Ich möchte mich jedoch auf die Bezeichnungen beziehen, die sich an der Körpermitte orientieren – also: „lateral“ und „medial“ – um den Bezug zum Zentrum herzustellen.

He7, bzw. der Herz-Meridian, liegt ganz innen am Arm versteckt. Wie das Herz selbst mitten in der Brust geschützt ist, so ist auch der Herz-Meridian am Arm geschützt. Zwischen dem Lungen-Meridian, der am weitesten außen liegt, und dem am weitesten innen liegenden Herz-Meridian auf dem Arm liegt noch der Perikard-Meridian, der im Grunde auch zum Herzen gehört. Das Perikard wird in der Chinesischen Medizin als der „Beschützer“ des Herzens verstanden. Es ist die „Herz-Wand“, oder die „Herz-Schutzhülle“. Es hat die Aufgabe, das Herz vor der Außenwelt zu schützen, bzw. zwischen der Außenwelt und dem Herzen zu „vermitteln“. Beides sowohl im physischen als auch im geistigen Sinne.

Das Herz ist das größte und kostbarste Gut des Menschen. Es ist das absolute Zentrum des menschlichen Geistes und Körpers. In der alten chinesischen Tradition wird der Mensch mit dem Staat verglichen und so entsteht die Analogie: das Herz sei der Kaiser – die wichtigste Person im Staat.

Das Herz – der Kaiser – spricht nie direkt mit seinem Volk. Das Perikard ist als wichtigster Minister dafür zuständig, mit den anderen Organen des Körpers in Kontakt zu treten und ihnen den Willen des Herrschers mitzuteilen, bzw. ihre eigenen Nöte dem Herrscher zu übermitteln.

Diese Sicht lässt sich auch mit dem im Westen geltenden Medizin-Verständnis vereinbaren: das Perikard – die Herz-Wand – erzeugt die Pumpbewegung des Herzens und bewegt somit das Blut, das letztendlich alle Körperzellen erreicht. In der Chinesischen Medizin heißt es, dass das Blut der Sitz, oder auch Träger des Geistes ist. Somit wird jede Körperzelle mit Geist erfüllt. Der Ursprung dieser Kraft befindet sich jedoch im Herzen. Es ist das Herz selbst – die Kaiserin oder der Kaiser.

 

Betrachten wir jetzt noch einmal die ventrale Seite des Unterarmes:

Hier verlaufen die drei Meridiane: am äußersten – die Lunge, dann das Perikard und am weitesten innen: das Herz. Die Lunge – an sich in der Chinesischen Medizin – steht für den direkten Austausch mit Außen (durch das Atmen, durch das Abwehren von den außen eindringenden Pathogene, usw.). Folglich kann der Lungen-Meridian auch nur an der äußeren Passage (des Armes) liegen. Das Perikard ist der Vermittler, und steht auch für unsere Emotionalität und Sexualität. Es korrespondiert stark mit unserer Körperlichkeit, besonders in Bezug auf die Brust- und Magen-Region, was man dem Wirkungsspektrum des Meridians entnehmen kann, hat also einen starken Bezug zum Herzen und zur Verdauung, aber auch zur Sexualität ( – beides über die sog. Jue-Yin-Schicht, ein Konzept der Chinesischen Medizin, welches das Perikard mit dem Leber-Meridian verbindet). Im Gegensatz zum Perikard hat das Herz viel mit reiner Spiritualität zu tun. Es ist die Residenz des Geistes, oder – anders ausgedrückt – der Geist selbst in seinem Zentrum.

Der Herz-Meridian ist verhältnismäßig kurz – wenn man seinen oberflächlichen Verlauf betrachtet, der allgemein als Herz-Meridian bekannt ist. Auf ihm liegen 9 Akupunktur-Punkte. Er beginnt mit He1, jiquan, „Äußerste Quelle“, tief in der Achselhöhle. Hier tritt der Meridian nach Außen, der zuerst innerlich vom Organ Herz Richtung Achselhöhle fließt. Am He1 beginnt der Herz-Meridian, dessen Punkte akupunktiert werden können (der sog. äußere Verlauf). Der Meridian verläuft an der Innenseite des Armes, kreuzt die Ellenbeugefalte, das Handgelenk, sodann das Lao-Gong, die Mitte der Handfläche, und endet bei He9 am inneren Nagelfalzwinkel des kleinen Fingers.

 

In der Praxis ist He7, Shenmen, einer der am häufigsten genadelten Akupunktur-Punkte des Herz-Meridians, und gehört zu den relativ häufig therapeutisch angewandten Akupunktur-Punkten. Die Haupt-Indikation für He7, Shenmen, ist die Beruhigung und Harmonisierung des Geistes. Schlafstörungen werden oft in den Akupunktur-Büchern als erstes genannt.

 

Wenn der Schlaf gestört ist, heißt es in der Chinesischen Medizin, der Geist kann seine Ruhe nicht finden. Es hat sich in der Praxis bewährt, den Punkt He7 zur Beruhigung des Geistes zu akupunktieren. Man könnte fast sagen, das Herz mag es, wenn sein Shenmen behandelt wird. Die Nadel zieht das Qi an sich heran. Gerade an der Handgelenksfalte im Verlauf des Herz Meridians, scheint es diese Stelle zu sein, die der Kaiser oder die Kaiserin, genießt und braucht um sich zu zentrieren, um zur Ruhe zu kommen. Die Stelle ist nicht zu nah und nicht zu weit vom Organ Herz entfernt.

 

He7 gehört zu den sog. Shu-Bach-Punkten. Auf jedem Meridian an den Extremitäten sind es immer jeweils die dritten Punkte von der am weitesten entfernten Stelle des Meridians, gemessen- in Bezug auf die Körper-Mitte.

Die Chinesen betrachten die Meridiane in gewissem Sinne wie Wasserkanäle. Es sind „Qi-Kanäle“. Am weitesten vom korrespondierenden Organ gibt es den Brunnen. Der dort liegende Akupunktur-Punkt wird als Jing-Brunnen-Punkt bezeichnet. Dort ist der Zugang zu dem Organ sehr dynamisch, weil von weit her kommend, die Energie verläuft hier aber ziemlich oberflächlich und kann sich leicht zerstreuen. Der nächste Punkt auf dem Meridian entspricht der Quelle, und trägt den Namen Ying-Quell-Punkt. Danach kommt der Bach (Shu-Bach-Punkt), der dann zum Fluss am Jing-Fluss-Punkt wird, der schließlich am He-Meer-Punkt ins Meer mündet, um dort die größte Tiefe zu erreichen. Energetisch gesehen handelt es sich hier um Energie-Qualitäten der Meridian-Punkte, die abhängig von ihrer Lage bezüglich des gekoppelten Ziel-/ Quell-Organs, über entsprechende Eigenschaften verfügen. Die Eigenschaften werden analog zu den Wasserader-Eigenschaften gesehen: Brunnen, Quelle, Bach, Fluss und Meer. Wo der „Fluss-Abschnitt“ beginnt, haben wir in der Akupunktur Zugang schon zu einer ziemlich tiefen, konstant und kräftig fließenden Energie des Meridians. An den Shu-Bach-Punkten ist die Energie noch etwas oberflächlicher, allerdings schon sehr gut stabilisiert. Genau an dieser Stelle mag das Herz behandelt werden, nämlich am Punkt He7, Shenmen. Hier kann das Herz verwöhnt werden. Hier tut es ihm gut, wenn ein kleiner Impuls – sei es von einer Nadel, oder schon auch durch einen vorsichtigen Druck, seine Strömung zentriert und ordnet. Es ist als würde sich die Kaiserin/der Kaiser auf dem Thron entspannen, bequem hinsetzten und ein köstliches, nährendes Getränk trinken. Dabei eine schöne Musik im Hintergrund…

 

Wenden wir uns jetzt den Klassikern der Chinesischen Medizin-Literatur zu. Hier [1] lesen wir, dass He7, Shenmen, grundsätzlich für zwei Gruppen von Erkrankungen anzuwenden ist: „für Störungen des Geistes“ und „bei allen Leere- Symptomen des Organ Herz.“.

He7 als Shu-Bach- und Yuan-Punkt hat einen tonisierenden Charakter (Yuan bedeutet: den Lebensursprung, also die geerbte Energie bzw. Erbmaterial, betreffend) – und ist damit in der Lage, die Leere (Schwäche) des Herzens zu behandeln. He7 wird in vielen Akupunktur-Punkt-Kombinationen angewandt, wenn das Herz schwächer ist, was sich z.B. durch Palpitationen äußert, oder wenn der Patient/die Patientin das Gefühl hat, als ob das Herz weniger Kraft als nötig zum Wohlbefinden hätte.

Der Begriff „Störungen des Geistes“ wird in den chinesischen Klassikern oft gebraucht. Darunter sind nicht nur die psychischen Erkrankungen zu verstehen, die die westliche Psychiatrie als Krankheitsbilder, wie z.B. Depression oder Manie, definiert. Es sind Verhaltensweisen, die auf Pathologien/Erkrankungen bestimmter Organe hinweisen. In der chinesischen Diagnostik ist es sehr wichtig, bestimmte, z.B. exzessive oder passive, Verhaltensmuster zu erkennen, und diese entsprechend ihrer Charakteristik den Organen zuzuordnen. Je früher diese Verhaltensmuster als Pathologien erkannt werden, gerade wenn sie noch nicht sehr ausgeprägt sind, umso erfolgreicher können sie behandelt werden.

„Störungen des Geistes“ werden in der Chinesischen Medizin unter zwei Aspekten klassifiziert: sogenannte „Leere Muster“ oder „Fülle Muster“ betreffend.

Leere Muster“ der „Geist-Störungen“ haben ihre Wurzeln meist in der sog. Herz-Blut- oder Herz-Yin-Leere. Unter „Herz-Blut“ verstehen wir kurz gesagt das Blut, das mit der Herzkraft angereichert wird. Zum Yin an sich gehören im Allgemeinen Körpersäfte, oder Körpersubstanzen (das sog. struktive Potenzial/Material). Das Herz-Yin bildet also diese (struktiven) Substanzen, die das Herz als Organ in physiologischer Hinsicht ausmachen. So viel zu den Definitionen.

Wenn also das Herz-Blut, oder Herz-Yin aus irgendeinem Grund schwach sind, kommt es zu Symptomen (im Sinne der Chinesischen Medizin), wie: Unruhe, Schlafstörungen, Ängstlichkeit, Besorgtheit, schlechtes Gedächtnis. Warum? Weil es alles im Grunde Eigenschaften des Geistes sind und das Blut und das Yin des Herzens die Aufgabe haben, den Geist zu verankern, d.h. ihm Stabilität und Kraft zu geben. Wenn Blut und Yin in ihrer Struktur schwach sind, ist der Geist nicht gut verwurzelt – was sich durch die oben genannten Symptome äußern wird.

Eine Vorstufe zum Herz-Blut- oder Herz-Yin-Mangel ist meistens die sog. Herz-Qi-Schwäche. Dabei treten die oben genannten Symptome schwächer auf. Es fängt meist mit Ruhelosigkeit oder Schlafstörungen an. Unter Qi eines Organs verstehen wir in der Chinesischen Medizin die Kraft und Fähigkeit des Organs, seine Funktion auszuüben.

 

Die andere Gruppe der „Geist-Störungen“ hat den Fülle-Charakter. Mit „Fülle“ eines Organs haben wir es dann zu tun, wenn ein bestimmter pathologischer Faktor überwiegt, z.B. Schleim oder Hitze. In der Chinesischen Medizin spricht man dann – im Falle des Herzens: – vom Herz-Feuer oder Schleim-Feuer. Die Manifestationen solcher pathologischen Zustände sind exzessive Verhaltensweisen, wie z.B.: der Mensch redet sehr viel, ist beleidigend für die anderen, neigt zum sog „exzessiven“ (oft unaufhörlichen) Lachen. Wenn das Herz-Feuer außer Kontrolle gerät, und damit den Geist angreift, gerät der Mensch in Unruhe, wird hyperaktiv, und kann z.B. nicht ein- oder durchschlafen.

Bei Blockaden durch Schleim kann es leicht zu Desorientiertheit kommen, oder zum „Sprechen im Schlaf“, oder auch Schlaflosigkeit und Ruhelosigkeit. In schwersten Fällen – zur Demenz.

In allen diesen Fällen kann He7 dem Geist dazu verhelfen, sich besser zu verankern und zu harmonisieren. He7, Tor des Geistes, wird sehr oft bei den o.g. Beschwerden in Kombinationen mit anderen Punkten verwendet. Eine der bekannten Kombinationen wäre z.B. das sog. „Depressions-Dreieck“:

  • Lu9, Taiyuan, „Große Kraftquelle“
  • Pe6, Neiguan, „Inneres Passtor“
  • He7, Shenmen, „Tor des Geistes“

Diese Kombination, richtig angewandt, hilft nicht nur bei Depressionen, sondern auch bei vielen anderen Beschwerden.

 

Warum heißt He7 „Tor des Geistes“? Eine mögliche Antwort liegt darin, dass es sich hier um einen Punkt handelt, der einerseits – als Yuan- und Shu-Bach-Punkt ein Tonisierungspunkt des Meridians und des Organs Herz ist, aber auf der anderen Seite ist es – auch ein Erde-Punkt auf dem Feuer-Meridian – ein Sedierungspunkt.

Mit He7 als Sedierungspunkt können das pathologische Feuer oder die Hitze ausgeleitet werden. Gleichzeitig hat der Punkt Erde-Qualität, was bedeutet, dass der Geist des Menschen in dem Punk geerdet und damit gestärkt werden kann. Auch als Yuan-Punkt, also der Punkt, der die Ursprungskraft aktiviert, ist He7 ein Tonisierungspunkt. Durch ein „Tor“ kann Energie aufgenommen werden oder sie kann – wenn sie pathologisch ist – aus dem Körper verbannt werden. Ein Tor hat die Aufgabe, etwas herein oder herauszulassen, hier bezüglich der Kraft und des energetischen Zustandes des Geistes.

Josef Müller, der sich in seinem Buch „Den Geist verwurzeln“ [2] mit Bedeutungen von Namen der Akupunktur-Punkte beschäftigt, spricht von einem „Tor des Geistes“, das geöffnet werden müsse, um die für das geistige Leben notwendige Kommunikation mit anderen zu ermöglichen: „Das Shen-Tor (He7) öffnet zusammen mit Niere 3 (Taixi, Großer Wildbach, Yuan-, Shu-Bach- und Erde-Punkt des Nieren-Meridians) wiederum das Tor zur Kommunikation zwischen Herz und Niere“. Die Herz-Nieren- Achse stellt in der Chinesischen Medizin eine lebenswichtige Polarität zwischen der Erbsubstanz Jing und dem Geist Shen dar. In [2] lesen wir weiter, dass das Tor des Geistes „im Schloss einrosten kann“ – durch den Schleim kann es verschlossen werden. „Kann der Kaiser die Tore nicht aufstoßen, hat er keine Kraft, da er nicht weiß, wie er sich ernähren soll. In dem Falle hilft das Tonisieren von He7 als Erde-Punkt dem Herzen zu mehr Kraft, weil er nun besser versteht, wie er sich durch Wärme, Freude, und durch Kontakt mit Shen nähren kann.

Zum Abschluss möchte ich Radha Thambirajahs Meinung über den Punkt He7 zitieren [3]: „Ein ausgezeichneter Punkt zur Beruhigung, der auch Tor zum Himmel genannt wird. Bei sedierender Technik sediert er Yin mehr als Yang. Man sollte mit seiner Verwendung vorsichtig sein, wenn das Herz-Yin zu schwach ist.

Der menschliche Geist entspringt dem Himmel, es ist eine himmlische Kraft, die im Menschen wohnt. Der Punkt Shenmen ist in der Lage ein Tor zu öffnen, um den Geist in seiner himmlischen Qualität zu stärken, oder das Tor – wenn es zu weit geöffnet ist – etwas mehr zu schließen, um das Herz zu schützen.

Literatur:
[1] Peter Deadmen, Mazin Al-Khafaji, Kevin Backer, „Großes Handbuch der AKUPUNKTUR“
[2] Josef Victor Müller, „Den Geist verwurzeln“
[3] Radha Thambirajah, „Energetik in der Akupunktur“

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Foto: © Max Tactic – Fotolia.com

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