Allgemein ·Chinesische Medizin ·Taijiquan

Jan Silberstorff: Die Taiji-Therapie

die-taiji-therapieTaijiquan – Die Innere Kampfkunst

Die therapeutische Behandlung im Taijiquan basiert auf einer natürlichen, auf Fähigkeit und Einfühlungsvermögen aufbauenden Vorgehensweise.

Zunächst sollte der Therapeut einen hohen Level an Taiji-Gongfu sowie ein geläutertes, reines Herz/Verstand (xinyi) besitzen. Alles, was er in dem anderen sieht, sieht er nur, weil er es zuvor in seiner eigenen Praxis in sich selbst erkennt.

Taijiquan ist eine sehr tiefe Erfahrung mit allem was uns ausmacht: Unserem Körper mit all seinen Muskeln, Sehnen, Knochen, Nerven, Organen, seiner Haut usw. Unserem Geist mit all seinen Raffinessen, Höhen und Abgründen. Und unserem energetischen Körper mit seinen Attributen. Je höher mein Level ist, umso tiefer erfahre ich mich hierin. Prinzipiell sind wir Menschen gleich, nur die Schwerpunkte sind unterschiedlich gesetzt. So gibt es nichts in dem Anderen, was es potentiell nicht auch in mir gibt. So kann ich durch Selbsterkenntnis auch den Anderen erkennen. Daher ist mein eigenes Niveau ausschlaggebend für Sinn und Erfolg der Therapie.

Bevor der Taiji-Therapeut seine Sitzung beginnt, soll er mit allem, was ihn selbst bewegt oder beschäftigt, abgeschlossen haben. Er muss in sich leer sein (wuji), um sich ganz auf das nun Kommende (taiji) einlassen zu können. Tritt er dann auf die zu behandelnde Person, so soll er mit Herz (xin) und Verstand (yi) vollkommen für diese da sein. Nicht nur ist der Therapeut empfangsbereit; gleichzeitig verbindet er sich mit der anderen Person, schließt sich mit ihr zusammen und erfährt auf diese Weise von den Blockaden, die es zu lösen gilt. Für den Anderen da zu sein bedeutet also nicht nur, ihm in all seinen Äußerungen, Ausführungen und Gesprächen zu folgen. Vielmehr geht es darum, die Person an sich wahrzunehmen, sowohl auf charakterlich/personeller (zi), als auch auf energetischer (qi) sowie geistig- (shen) und seelischer (hun/po) Ebene. Dann bringt er seine eigene Erkenntnis mit der Einschätzung der Person in ein Gleichgewicht. Er soll sich weniger auf Klassifizierungen von Krankheitsbildern, als auf sein intuitives Wahrnehmungsvermögen, resultierend aus seinem Gongfu, besinnen. Auf dieser Basis wird er entsprechende Ungleichgewichte von Yin und Yang beim Gegenüber auf genannten Ebenen erkennen. Hierauf basiert seine Diagnose. Nun ist es wichtig, für die zu behandelnde Person ein geöffnetes Feld von Himmel, Erde und Mensch (tian-di-ren) herzustellen, in dem der Mensch die Verbindung zwischen Himmel und Erde einnimmt. Dies gelingt über eine entspannte, strukturiert-natürliche Körper- und Geisteshaltung. Wichtige Grundlage hierfür ist ein Vertrauensverhältnis zwischen beiden, das aufgrund einer offenen Herzens- und Geisteshaltung des Therapeuten indiziert und beim Patienten hergestellt werden soll. Auch ist es ratsam, zu Beginn den Vorstellungen der Person zu folgen, auch wenn diese anfänglich vielleicht nicht oder nur ungenügend zu einer Lösung des Problems beitragen werden. Denn Freude und Vertrauen sind entscheidend für einen dann folgenden gemeinsamen Heilungsprozess, den die zu behandelnde Person dann für sich abschließt und in ihr weiteres Leben integriert. Dieses Vertrauensverhältnis wird dafür sorgen, dass die Person die Therapie mit ganzem Wesen annehmen und auf seelisch/geistiger, energetischer und physischer Ebene mitarbeiten kann. Es ist das Prinzip des Nachgebens, welches dem Anderen den Raum gibt, den er braucht, und gleichzeitig die Perspektive für ein therapeutisches Eingreifen bei geringstmöglichem Widerstand eröffnet. In dieser Situation kann der Therapeut dann aus dem reichen Repertoire an physischen Haltungskorrekturen, energetischer Arbeit und geistigem Training, stillen und bewegenden physischen und energetischen Übungen sowie dem Verständnis von DAO und DE auf spiritueller, energetischer und physischer Ebene schöpfen, um dem Patienten zu helfen. Auf dieser Grundlage und in harmonischem Miteinander sollte eine gute Therapie gelingen.

Auch wenn diese Therapie oftmals ausreichend sein kann, so ist es sehr ratsam sie immer in Kooperation mit einer herkömmlichen vom Arzt verordneten Therapie zu halten. In den Jahren meiner therapeutischen Arbeit, wurden mir die Patienten vom behandelnden Arzt als ergänzende Therapie überwiesen, auch wenn letztere meist ausschlaggebend für den Heilungsprozess war. Der Heilungserfolg lag in der Regel daran, dass die Überweisung erst dann stattfand, wenn herkömmlich kein zufriedenstellendes Ergebnis erzielt werden konnte. Die Therapie selbst setzt sich auf praktischer Ebene demnach aus folgenden Komponenten zusammen:

  1. Vertrauen und Freude entwickeln. Hierbei ist es auf der einen Seite wichtig, mit dem Patienten eine gemeinsame Basis des Vertrauens zu nden. Der Patient muss an den Erfolg glauben und gerne zur Behandlung kommen können. Auf der anderen Seite muss der Therapeut selbst entwickelt genug sein, dieses Vertrauensverhältnis nicht für eigene Zwecke ausnutzen zu wollen. Er muss sich selbst auf einer Ebene benden, die es ihm ermöglicht selbstlos für den anderen da sein zu können. Dies ist fundmental wichtig, um die Unversehrtheit des zu Behandelnden zu schützen. Es ist gleichzeitig aber auch ausschlaggebend für den Erfolg der Behandlung, da nur die eigene Reinheit bzw. Freiheit von Blockaden ein Verhältnis scha en kann, auf welches sich der innere Geist/Körper des Anderen gesundend einlassen kann. Es ist also nicht nur eine Richtlinie zum Schutz des Patienten, sondern gleichzeitig Grundvoraussetzung für den Erfolg der Behandlung.
  2. Erstellung der Diagnose. Diese  findet äußerlich über das Gespräch und die Betrachtung der anderen Person statt. Gleichzeitig geschieht eine innere Wahrnehmung des Gegenübers auf energetischer Ebene. Nachdem der geistige, energetische und physische Körper des Patienten erkannt wurde, kann die Diagnose folgen. Die Berichte und Gesten des Anderen sollen unbedingt ernst genommen, aber nicht primär ausschlaggebend für die Gesamtdiagnose sein.
  3. Behandlung. Diese nun geschieht ebenfalls auf allen drei genannten Ebenen. Hierbei werden Gespräche genauso eingesetzt wie ruhende und bewegende Übungen aus dem praktischen Bereich des Taijiquan. Hinzukommen physische Korrekturen des Haltungsapparates, das Auflösen energetischer und geistiger Blockaden. Es kann sich dabei um eine Ausbildung im generellen Sinne handeln, oftmals aber auch um die Vermittlung von Teilbereichen oder Übungen bzw. Bewegungsausschnitten der Formen, welche auf die Bedürfnisse des zu Behandelnden zugeschnitten werden. Wichtig hierbei ist für den Therapeuten zu erkennen, welche Bewegungen und Korrekturen in welchem Maße und in welcher Intensität für den Patienten heilsam sind, welche vielleicht eher kontraproduktiv sein könnten, aber auch, welche sich dem Krankheitsbild gegenüber neutral verhalten. Dementsprechend setzt der Therapeut seine Übungen und geistigen Anregungen ein. Natürlich können auch Bereiche außerhalb des Taijiquan zur Geltung kommen, wenn der Therapeut davon überzeugt ist, hierdurch das Vertrauen, die Freude und die Heilung mit hervorzurufen. Es sollen jedoch immer nur die Bereiche in der Therapie eingesetzt werden, die im ausreichenden Fähigkeitsbereich des Therapeuten liegen. Ziel ist es, das verloren gegangene Gleichgewicht von Yin und Yang auf allen drei Ebenen so wiederherzustellen, dass eine Gesundung im Speziellen in Richtung auf das Ganze erreicht werden kann.

Generell stellt die Taiji-Therapie eine ernsthaft-ganzheitliche Heilmethode dar, die den Menschen umfassend betreut.

Im Folgenden scheint es mir sinnvoll, das Konzept der Taiji-Therapie anhand von Fallbeispielen zu erörtern, damit Theorie in greifbares Praxisverständnis überführt werden kann. Ich freue mich darauf, in den nächsten Artikeln dieses Blogs hierzu Gelegenheit finden zu dürfen.

Artikel als PDF downloaden
Mehr über Jan Silberstorff und seine Veröffentlichungen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.